Ein Blick ins Fenster

Vor einiger Zeit bekam ich die Information, dass auf dem Dachboden im Haus eines unserer Gemeindemitglieder noch ein paar alte Fenster lagerten, die bei der Renovierung unseres Gemeindehauses ausgebaut wurden und offensichtlich zum Wegwerfen zu schade waren.

Inzwischen sind gut 25 Jahre vergangen und der Platz, an dem die alten Schätze verweilen durften, wurde anderweitig gebraucht.

Auf diese Weise kamen zwei Fensterflügel, die ich vor meinem geistigen Auge schon als schöne Wanddekoration sah, zu uns ins Haus. Genauer gesagt: Erst einmal in den Keller. Auch dort verbrachten sie wieder unberührt einige Monate.

© Hartmut Hunsmann

Irgendwann im Frühsommer hat mich dann doch der Ehrgeiz gepackt, das Projekt anzugehen. Schon auf den ersten Blick war klar: Die Zeit hatte ihre Spuren hinterlassen. Die Scheiben waren völlig blind, das Holz mit einer verkrusteten Schicht aus Staub und Dreck überzogen, die nicht ohne einen gewissen Energieaufwand weichen würde.

So habe ich also angefangen, ganz vorsichtig mit dem Schleifer und viel Handarbeit den guten Stücken zu Leibe zu rücken. Nach und nach ließ sich etwas vom ursprünglichen Zustand der Altertümer entdecken.

© Hartmut Hunsmann

Und dann kam plötzlich etwas Erstaunliches zum Vorschein. Nicht nur, dass das alte Holz wieder in einer ganz eigenen Schönheit erstrahlte, und die blind gewordenen Scheiben wieder das Licht durchließen. Plötzlich war zu sehen, dass sowohl im Rahmen als auch auf den Scheiben ganz unterschiedliche Menschen ihre Namen und kleine Botschaften eingeritzt hatten.

Nicht alles konnte ich entziffern. Aber ein gewisser „Karl“ hat ganz eindeutig seinen Namen ins Glas geritzt. Vermutlich wird sich nicht mehr ermitteln lassen, wer das war und wann er sich dort verewigt hat. Auch andere Namen und kleine Botschaften sind nicht mehr eindeutig zu entziffern.

Und trotzdem hat das „Freilegen“ der alten Substanz mir einen ganz neuen Blick auf die Dinge verschafft. Hier haben offensichtlich Menschen ihre Spuren hinterlassen in einem Gebäude, das erst später ein Gotteshaus wurde. Gerne wüsste ich, ob es Karl noch gibt und was er so macht.

Beim Anblick der kleinen Notizen auf dem Fenster kam mir noch eine andere Frage:

Welche Spuren hinterlassen wir eigentlich?

Wie viele Gottesdienste wurden inzwischen in unserem Haus gefeiert? Wie viele Gebete gesprochen, wie viele Lieder gesungen?

Können die Menschen in Weilburg, die uns mit diesem Haus in Verbindung bringen, die Botschaft erkennen und entziffern, die wir weitergeben wollen? Oder hat sich über die Jahre hinweg auch manches verkrustet und ist blind geworden?

Jesus erklärt seinen Jüngern in der Bergpredigt, dass seine Nachfolger nichts zu verbergen haben. Im Gegenteil.

Jesus sagt: Ihr seid das Licht der Welt…Euer Licht soll vor allen Menschen leuchten. An euren Taten sollen sie euren Vater im Himmel erkennen und ihn auch ehren. (Matthäus 5, 14-16 in Auswahl, Hfa).

Es geht also nicht darum, dass wir bleibende Eindrücke hinterlassen. Es geht darum, welchen Eindruck Gott durch unser Handeln und Reden hinterlässt.

Mir haben die alten Fenster auf ihre Weise eine kleine Predigt gehalten. Wenn sie wirklich irgendwann als Dekoration an der Wand hängen, dann werden sie (hoffentlich) nicht nur schön aussehen, sondern mich immer mal wieder daran erinnern, dass Gott durch mich Spuren in dieser Welt hinterlassen möchte.

Hartmut Hunsmann