Liebe Geschwister und Freunde der Gemeinde,

wahrscheinlich kennt jeder solche Momente, in denen wir irgendwo hinschauen und unsere Augen dann auch schnell weiterwandern lassen. Und plötzlich merken wir: Das, was ich da gerade erblickt habe, kann doch irgendwie gar nicht sein. Da trauen wir den eigenen Augen nicht. Und dann sehen wir noch einmal ganz genau hin.

Genau so erging es mir vor kurzem. Am Rande des Marktplatzes in einem kleinen Ort in Süddeutschland war ein merkwürdiges Gefährt erschienen, etwa in der Größe eines Kleintransporters. Ich hatte mich schon wieder abgewandt, als ich plötzlich realisierte: Hier stimmt etwas nicht!

Zum einen bewegte sich dieses Ding sehr langsam und gemächlich. Dann hielt es an, öffnete die Türen, entließ ein oder zwei Menschen in die Freiheit und bewegte sich genau so gemütlich weiter. Inzwischen hatte ich entdeckt, was so anders an diesem Bus war:

Er hatte keinen Fahrer. Führerlos, wie von Geisterhand gesteuert, bewegte er sich durch das kleine Städtchen.

© Hartmut Hunsmann

Nun war ich natürlich neugierig geworden und fand bald auch die Lösung dieses Rätsels. Ausgerechnet in Bad Birnbach, im Südosten Bayerns gibt es seit Oktober 2017 die erste autonom verkehrende Buslinie Deutschlands im öffentlichen Straßenverkehr. Der Fahrer war also nicht schon „entrückt“, es gab ihn einfach nicht.

Der Shuttlebus folgt – wie auf virtuellen Schienen – automatisiert der Route, die inklusive Haltestellen einmalig per Laserscanner in den Bordcomputer eingelesen wurde. (So die offizielle Erklärung des Betreibers).

Für mich hat sich schnell eine Frage ergeben: Würde ich da einsteigen?

Ich gebe es offen zu: Ich gehöre zu den Leuten, die beim Autofahren gerne das Lenkrad selbst in der Hand haben. Und wenn ich schon mitfahre, dann will ich wenigstens sehen, wer es hat.

Aber hier gab es nichts zu sehen. Es blieb nichts andere als das Vertrauen in etwas, was man nicht sieht.

Irgendwie ist mir dieser automatisch fahrende Bus zu einem Bild für den Glauben geworden. Auch da ist immer wieder mein Vertrauen gefragt. Ich weiß, dass Jesus da ist und den Überblick behält. Aber sehen kann ich es nicht, manchmal nicht einmal erahnen.

Der Hebräerbrief beschreibt das im 1. Kapitel so: Was ist nun also der Glaube? Er ist das Vertrauen darauf, dass das, was wir hoffen, sich erfüllen wird, und die Überzeugung, dass das, was man nicht sieht, existiert. (Hebräer 11, 1).

Der Glaube bleibt eine Herausforderung. Nicht immer kommen wir damit zurecht, dass wir nicht alles sehen. Aber es gehört zum Wesen des Glaubens, dass er uns dazu ermutigt, nicht auf das zu setzen, was uns sicher erscheint. Sonst wäre es auch kein Glaube mehr.

Was den führerlosen Bus angeht, ärgere ich mich im Nachhinein, dass ich nicht eingestiegen und eine Runde mitgefahren bin. Abgesehen davon, dass es man nicht einmal ein Ticket kaufen musste, wäre es bestimmt eine gute Glaubenserfahrung gewesen.

Mit lieben Grüßen,

Hartmut Hunsmann