Was brauchen wir, um zu glauben?

„Ich glaube nur, was ich sehe!“ Wer hat diesen Satz nicht schon einmal gehört oder selbst ausgesprochen?

Eigentlich ist er schon ein Widerspruch in sich: Glaube ich etwas, dann muss ich es nicht erst sehen. Sehe ich etwas, dann muss ich es nicht mehr glauben.

Aber ganz so einfach ist die Sache nicht. Wir halten das für wahr, was wir vor Augen haben und was vom Verstand her nachvollziehbar und offensichtlich ist.

Gleichzeitig gibt es aber in unserem Alltag unzählige Bereiche, in denen wir nicht selber sehen können, was geschieht. Wir müssen darauf vertrauen und daran glauben, dass andere Menschen etwas gut und richtig machen, ohne dass wir es nachprüfen können.

Ich kann nicht sehen, was der Mechaniker mit meinem Auto in der Werkstatt macht, wenn der Motor Probleme hat. Ich muss darauf vertrauen, dass er alle Teile und Schrauben wieder an die richtige Stelle bringt. Bei einem groben Fehler könnte ich sogar selbst in Gefahr geraten. Ich vertraue ihm, oft sogar, ohne ihn persönlich zu kennen.

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Wenn ich mich mit einem Freund zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort verabrede, mache ich mich im festen Vertrauen darauf, dass er wirklich kommt, auf den Weg. Aber erst, wenn er auch da ist, weiß ich, dass die Absprache funktioniert hat.

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Dem Arzt, der mich behandelt, glaube ich, dass er die richtige Diagnose stellt und die entsprechenden Medikamente verschreibt.

Auf die Straßenbahn warte ich, weil ich den Fahrplan kenne. Ob er stimmt, weiß ich erst, wenn ich einsteige.

All diese Kleinigkeiten in unserem Leben sind im Wesentlichen von 2 Faktoren bestimmt: Vertrauen und Erfahrung. Und je öfter ich gute Erfahrungen mache mit Menschen und Sachverhalten, desto größer wird mein Vertrauen.

Leider gilt das auch umgekehrt: Wird unser Vertrauen enttäuscht, wächst das Misstrauen. Machen wir schlechte Erfahrungen, führt das dazu, dass wir vorsichtig werden. Deswegen wünschen wir uns oft im Vorfeld Garantien und Sicherheiten.

So ist es auch den Menschen vor 2000 Jahren schon ergangen. Die Bibel berichtet uns im Johannesevangelium von einer Begebenheit, bei der die Leute von Jesus verlangten, dass er erst einmal Zeichen und Wunder tun sollte, bevor sie ihm glauben wollten. Sie erinnerten sich an die Dinge, die er schon einmal getan hatte, und wollten jetzt mehr davon sehen. „Ich glaube nur, was ich sehe!“ Wie alt sind solche Gedanken schon.

Jesus entzieht sich interessanterweise nicht dem Wunsch der Menge und heilt den kranken Sohn eines  hohen Beamten (Johannesevangelium Kapitel 4, 43 – 54). Aber er kritisiert die Motive: „Ihr glaubt nur, wenn ihr Zeichen und Wunder seht.“

Aber diese Dinge bleiben damals wie heute die Ausnahme. Der Glaube an Gott funktioniert nicht nach dem Motto: Erst sehen, dann verstehen. Der Glaube bleibt immer ein Wagnis und eine Herausforderung.

Es bleibt allerdings die Frage: Warum fällt es uns relativ leicht, in vielen, durchaus wichtigen Situationen unseres Lebens auf Menschen zu vertrauen, die wir nicht einmal kennen und von denen wir nichts wissen? Aber dem Gott des Himmels, der sich uns selbst vorgestellt und bekannt gemacht hat in seinem Sohn Jesus Christus, trete wir skeptisch und mit großen Vorbehalten entgegen. Dabei hat er sich schon so oft als vertrauenswürdig erwiesen.

Er ist nie weiter als ein Gebet entfernt.

Hartmut Hunsmann